Naturerfahrung in Großstädten – Warum eigentlich?

Toben, balancieren, rennen, sammeln, beobachten, Früchte naschen und Höhlen bauen – natürlicher Freiraum für Kindgerechte Aktivitäten zum Spielen, Lernen und Natur erfahren ist im städtischen Umfeld begrenzt. Die zunehmende Verdichtung von Großstädten bringt zahlreiche Konsequenzen für Kinder mit sich. Wenn die natürliche Umwelt schwindet, vermindert sich die Möglichkeit der Erholung, sozialer Kontakte und Bewegung bei Kindern wie auch bei Erwachsenen. Gerade Kinder profitieren von wohnortnahen Grünflächen, die sie in ihrer motorischen, sozialen und kognitiven Entwicklung unterstützen und damit eine langfristige positive Gesundheitswirkung hervorrufen. Die Abnahme von wohnortnahen Grünräumen, etwa durch Wohnungs- und Straßenbau, stellt damit eine Bedrohung der urbanen Lebensqualität für Kinder dar.

Die Wirkung natürlicher Umwelt auf Kinder

Kinder benötigen für ihre gesunde Entwicklung natürliche Freiräume. Besonders in Großstädten werden eine zunehmende „Verhäuslichung“ und eine Entfremdung von der Natur beobachtet, die körperliche, psychische und soziale Defizite bei Kindern hervorrufen. Den positiven Einfluss von Natur im Allgemeinen und auf die kindliche Entwicklung im Speziellen sowie auf ein positives Naturverständnis bestätigen zahlreiche Studien (siehe auch Bilderstrecke Seite 24). Auch der Zusammenhang zwischen positiven Naturerfahrungen und umweltpfleglichen Einstellungen wurde in empirischen Studien gezeigt (Bögeholz, 1999): Umweltbewusste Erwachsene machten vielfältige Naturerfahrungen in der Kindheit.

Wie kommt es, dass natürliche Umwelt so positiv wirkt?

Natürliche Umwelt bietet eine optimale Reizumgebung zwischen neu und vertraut (Gebhard, 2014). Wenn Kinder – oder Erwachsene – einen Baum anschauen, so ist er einerseits immer gleich: Kontinuierlich wächst er, ohne dass es von dem einen auf den anderen Tag auffallen würde. Er bleibt an Ort und Stelle und ist damit eine feste Größe. Andererseits verändert sich der Baum mit den Jahreszeiten: Mal ist er kahl, mal blüht er und mal ist er voller Laub. Selbst kurzfristig, etwa mit dem täglichen Licht- und Schattenspiel, verändert sich sein Aussehen und der Baum kann freundlich oder geheimnisvoll wirken. Die Pole Kontinuität und Veränderung in der Natur treffen die kindlichen Bedürfnisse nach Sicherheit – der Baum verändert sich nur langsam und bleibt vertraut – und nach Abenteuer – der Baum erscheint mit frischem Tau anders als mit warmer, sonnenbeschienener Borke und regt dazu an, neue Dinge zu entdecken. Damit ist der Naturkontakt ein wichtiger Aspekt in der kindlichen Entwicklung. Neben der Naturwahrnehmung ist auch Bewegung in der Natur von zentraler Bedeutung für die kindliche Entwicklung. Durch Spiel und Bewegung entdecken Kinder ihre Umwelt, nehmen Kontakt zu anderen auf, machen Lernfortschritte im motorischen und kognitiven Bereich, werden selbstständiger und entwickeln ihre Persönlichkeit. 

Im Unterschied zum zweckbestimmten Arbeiten ist Spiel eine zweckfreie, spontane, freiwillige, von innen heraus motivierte, lustbetonte und fantasiegeleitete Tätigkeit (Schaub & Zenke, 1995), d. h. ein ernst zu nehmender Lern- und Entwicklungsprozess. Darüber hinaus fördern natürliche Umwelten die Risikokompetenz der Kinder, das bedeutet, sie lernen einzuschätzen, was sie sich selber zutrauen können, ohne sich zu gefährden. Sie lernen, Pläne zu ändern oder aufzugeben, wenn eine Situation bedrohlich ist (Raith & Lude, 2014). Im Kontakt mit der Natur und ihren Erfahrungen daraus lernen Kinder, Gefahren abzuschätzen. Im Rückschluss heißt das, dass Kinder, die nie gelernt haben, mit risikoreichen Situationen umzugehen, auch in einem sicheren Spielraum gefährdet sind (Agde, Degünther & Hünnekes, 2013). Der Bedarf an naturnahen Flächen in Großstädten zeigt sich insbesondere in den stark verdichteten Innenstadtbereichen. Dennoch ist auch an den Stadträndern ein hoher Bedarf zu erkennen, da auch hier Kinder immer weniger Möglichkeiten und Anreize haben, ihre Freizeit draußen und in einer natürlichen Umgebung zu verbringen.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im Vergleich zu gebauter Umwelt natürliche Umwelt einen großen Beitrag zur Gesundheitsförderung auf der psychischen, physischen und sozialen Ebene leistet. Natur stellt wichtige Bewegungs- und Lernanreize für Kinder zur Verfügung. Daher sollte die Gesundheitsförderung von Kindern durch Natur auch als wichtiger Aspekt im Rahmen der Stadtentwicklung Berücksichtigung finden. Die Einrichtung von Naturerfahrungsräumen (NER) stellt eine ideale Möglichkeit dar, diese Empfehlung umzusetzen.

Umweltgerechtigkeit

Kinder, die in Gebieten mit einer einkommensschwachen Bevölkerung aufwachsen, sind häufig auch einer höheren Umweltbelastung und geringeren Zugangsmöglichkeiten zu natürlicher Umwelt ausgesetzt. Umweltgerechtigkeit bezeichnet den Zustand, wenn solche Ungleichheiten nicht vorhanden sind.